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Der Straßenkehrer als Tänzer

Viele Berufe verändern sich derzeit rasant. Ein Straßenkehrer aber arbeitet mit wahrscheinlich derselben Technik wie vor 2000 Jahren.

Unbeeindruckt von Wind und Wetter zieht er mit weitem, aber lockerem, fast elegantem Schwung den Besen über das Trottoir. Er schiebt Scherben, Blätter und anderen Unrat auf die Fahrbahn. Der Oberkörper ist dabei aufrecht, nur eine leichte Drehbewegung ist erkennbar. Und instinktiv fühlt sich der Betrachter an einen Tänzer erinnert. Bloß, dass hier der Besen die Rolle der Partnerin eingenommen hat.

 

Ebenso alt und technisch wohl auch zur Perfektion entwickelt ist das Arbeitsgerät: Reisigzweige aus norditalienischer Heide werden der Länge nach sortiert und mit Draht zusammengebunden. Überstehendes wird abgeschnitten. Am Ende wird ein zwei Meter langer Stil hineingesteckt und ebenfalls mit Draht fixiert. Fertig ist der Frankfurter Besen. Wenn sein Besitzer ihn gut behandelt, wenig Druck auf ihn ausübt und weder nasses Laub noch Glasscherben seinen Weg kreuzen, wird er vielleicht eine Woche halten auf Frankfurts Straßen.

 

Das Kehren von Hand ist in der Stadtreinigung immer der Einstieg. Dafür braucht es keine Ausbildung und keinen Führerschein, bloß Übung. Beim ersten Mal Kehren tun die Oberarme höllisch weh. Die Muskulatur rebelliert. Auch die aufrechte Körperhaltung ist über längere Zeit anstrengend. Das weiß jeder, der den größten Teil seines Tages im Sitzen verbringt oder schon mal einen Tango-Tanzkurs absolviert hat. Aber wer täglich acht Stunden Straße kehrt, hat keine Wahl. In gebückter Haltung würde er sich den Rücken ruinieren.

Doch die einschlägigen Veränderungen der Arbeitswelt kommen näher, auch für den Straßenkehrer. Jede Arbeitsgruppe von Harheim bis Oberrad und von Fechenheim bis Sossenheim verfügt inzwischen seit vielen Jahren über Kehrmaschinen. Motorisierte Straßenkehrer, denen das Tänzerische abgeht. Im Verbund mit ihnen wird eine Stadt schneller sauber. Ein traditioneller Straßenkehrer konnte so aus jeder Gruppe abgezogen werden.

Wie es weitergeht, ist offen. In Darmstadt wird gerade eine autonom fahrende Kehrmaschine getestet. Aber auch die kommt längst noch nicht überall hin, und in Frankfurt gibt es einige Plätze, die wegen ihres Natursteinbelages gar nicht von Maschinen gereinigt werden dürfen. Hier genießt der traditionelle Straßenkehrer Bestandsschutz. Das ist gut, denn die Erfahrung zeigt: Wer sich ans Kehren mit dem Besen einmal gewöhnt hat, will gar nicht in die Kehrmaschine wechseln. Aber vielleicht hat das ja auch etwas mit Tanzen zu tun.